Veröffentlicht in Russisch

Russland – mit dem Nachtzug durchs Land

Nachts mit dem Zug durch Russland zu fahren ist ein Erlebnis. Ich würde sogar behaupten, wer Russland kennenlernen möchte, muss das einmal gemacht haben.

Vor der ersten Fahrt mit dem Nachtzug waren wir mehr als nur aufgeregt, uns war klar, ab jetzt versteht unter Umständen niemand mehr Englisch oder Deutsch. Wir haben uns gefragt, was uns abseits der großen Städte erwartet, wie die Zugfahrt wird und das Wichtigste wie ist das Essen. Der Taxifahrer setzte uns am Leningrader Bahnhof ab und beim Betreten des Bahnhofes mussten wir durch die in Russland obligatorische Sicherheitskontrolle, das ist so, wie man es am Flughafen auch kennt. Am Bahnsteig standen schon eine Menge Fahrgäste, und als der Zug einfuhr, stiegen die Zugbegleiter aus und polierten zuerst die Haltestangen neben der Tür, anschließend stellten sie sich vor den Waggon, für den sie zuständig waren. Leider haben wir das nicht fotografiert, es war so ein schöner Anblick, dass wir das heute noch bereuen. Jeder Waggon hat seinen eigenen Betreuer und bevor man den Zug betreten darf gleichen diese die Passnummern mit der Liste der gebuchten Passagiere ab.Die Passnummern muss man beim Ticketkauf angeben. Wir betraten den Zug und wunderten uns, warum der Gang vor den Schlafabteilen mit Tüchern ausgelegt war. Das Rätsel hat sich allerdings schnell gelöst, die Tücher wurden entfernt, nachdem alle Passagiere ihre Straßenschuhe gegen die vorbereiteten Badeslipper getauscht hatten. Erstaunlicherweise haben wir dann auch niemanden mehr in Straßenschuhen gesehen. Da waren wir das erste Mal verblüfft, das hatten wir so nicht erwartet.

Das Abteil selbst sieht aus wie ein Liege- oder Schlafwagen der Deutschen Bahn, darin sind vier „Betten“ auf jedem liegt eingeschweißte Bettwäsche, Zahnputzzeug und ein Handtuch. Zwischen den Betten ist ein Fernseher angebracht. Außerdem sind im Abteil noch einige Zeitschriften und für jeden ein frisch poliertes Glas vorbereitet. Auf einem kleinen Tischchen ist eine Getränkekarte auf der auch Süßigkeiten angeboten werden. Da wir nur die halbe Nacht mit dem Zug fuhren, hatten wir uns überlegt, dass wir im Zug eine Flasche Wein trinken, also haben wir die Karte gelesen und waren das zweite Mal sehr verwundert. Es wurde nicht ein alkoholisches Getränk angeboten, alles war alkoholfrei. Ebenso stand auf der Karte nichts zum Essen, da wir vermutet haben, dass man uns nicht verhungern lässt, warteten wir erst einmal ab.

Die Box fürs Essen.

Nach einer Weile kam dann die Zugbegleiterin und fragte uns, was wir essen möchten. Da hatten wir ein echtes Verständigungsproblem aber mit Hilfe einer Frau aus dem Nachbarabteil und einem russischen Wörterbuch haben auch wir verstanden, dass es zwei Menüs zur Auswahl gibt und das eine mit Huhn und das andere mit Rindfleisch ist. Wir entschieden uns für Ersteres. Sie brachte uns dann so eine Box, wie man sie aus dem Flugzeug kennt, darin war das warme Hühnchen mit einem Schokoladenmuffin als Dessert und Apfelsaft. Das war jetzt natürlich kein Gourmetmenü, aber es hat nicht schlecht geschmeckt. Nach dem Essen erkundigte sie bei uns, noch ob wir Tee haben möchten und irgendwann später kam sie mit einer Auswahl an Souvenirs und Schokolade vorbei und bei der Schokolade konnten wir natürlich nicht Nein sagen.

Während der Fahrt gewöhnte sich unsere Zugbegleiterin an „die Deutschen“ im Abteil und wir uns an unsere Zugbegleiterin, mit unseren drei Brocken Russisch und mit Händen und Füßen kamen wir ganz gut zurecht. Die Zeit im Zug haben wir uns mit einem Kartenspiel vertrieben und anstatt Wein tranken wir Tee. So ging der Abend schnell vorbei und sie informierte uns kurz vor dem Ziel, das wir bald aussteigen müssen. Das ist einer der Vorteile von Nachtzügen, die Zugbegleiter sorgen dafür, dass man am richtigen Bahnhof den Zug verlässt.

Nun sind wir nicht nur einmal Nachtzug gefahren, sondern gleich dreimal. Der Ablauf ist immer derselbe, egal ob der Zug alt oder neu ist. Die Zugbegleiter sind die guten Seelen und außer Essen servieren, Fahrkarten kontrollieren und sich um die Passagiere kümmern, räumen sie auch ständig auf. Sie leeren die Papierkörbe, sammeln am Morgen die Bettwäsche und die Handtücher ein, sie zählen die Wäsche und schauen auch regelmäßig, ob die Toiletten noch benutzbar sind. Wer Zugtoiletten kennt der weiß es, das ist immer schwierig auch in Russland.

Bologoe-Moskovskoe

Das Interessante an diesen Zugfahrten waren nicht nur die Züge an sich, sondern auch die Bahnhöfe. Selbst in relativ kleinen Städten sitzt mitten in der Nacht noch ein Angestellter der Bahn. Das gibt einem immer ein Gefühl von Sicherheit. Wer weiß, was auf Bahnhöfen alles passieren kann, wenn niemand da ist, der wird das zu schätzen wissen. Die Warteräume sind offen, hell, geheizt, recht sauber und überall sitzen Fahrgäste, die auf den Zug warten. In einem Wartesaal standen sogar echte Pflanzen, ich weiß nicht, wann ich so etwas das letzte Mal in Deutschland oder in der Schweiz gesehen habe. Bei größeren Bahnhöfen ist auch immer irgendwo ein Wachmann, die nehmen die Kontrollen in der Nacht dann aber nicht mehr ganz so ernst. Bei unserem Umsteigehalt in Bologoe-Moskovskoe ist uns aufgefallen, dass sehr viele Nachtzüge fahren, das scheint wirklich beliebt zu sein.

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