Veröffentlicht in Für Fortgeschrittene, Russisch

Выхожу один я на дорогу… von Lermontow

Es vergeht fast kein Tag an dem nicht das Gedicht „Парус“ gelesen wird, welches ich vor über einem Jahr veröffentlicht habe. Deshalb für alle Liebhaber der russischen Dichtkunst, ein neues Gedicht, ebenfalls von Lermontow, diesmal mit drei verschiedenen deutschen Übersetzungen. Lermontow ließ sich übrigens von Heinrich Heines „Der Tod das ist die kühle Nacht“ inspirieren.

Стихотворение Лермонтова «Выхожу один я на дорогу…», отчасти написанное под влиянием стихотворения Генриха Гейне «Der Tod das ist die kühle Nacht…», на русском языке и в трёх переводах на немецкий язык.

Zum Anhören als Lied: https://www.youtube.com/watch?v=SJ86A9NCKew.

                    I.

Выхожу один я на дорогу
Сквозь туман кремнистый путь блестит;
Ночь тиха. Пустыня внемлет Богу,
И звезда с звездою говорит.

                    II.

В небесах торжественно и чудно!
Спит земля в сиянье голубом…
Что же мне так больно итак трудно?
Жду ль чего? жалею ли о чём?

                    III.

Уж не жду от жизни ничего я,
И не жаль мне прошлого ничуть;
Я ищу свободы и покоя!
Я б хотел забыться и заснуть!

                    IV.

Но не тем холодным сном могилы…
Я б желал навеки так заснуть,
Чтоб в груди дремали жизни силы,
Чтоб, дыша, вздымалась тихо грудь;

                    V.

Чтоб всю ночь, весь день мой слух лелея,
Про любовь мне сладкий голос пел,
Надо мной чтоб, вечно зеленея,
Тёмный дуб склонялся и шумел.

1841г.
М.Ю. Лермонтов (1814-1841)

* * *

Wandr’ ich in der stillen Nacht alleine,
Durch den Nebel blitzt der Steinweg fern —
Redet Stern zum Stern im hellen Scheine,
Und die Wildniß lauscht dem Wort des Herrn.

Golden schimmernd, hinterm Felsenhange,
Dehnt des Himmels Blau sich endlos weit —
Was ist mir die Brust so schwer, so bange?
Hoff’ ich Etwas — thut mir Etwas leid?

Nein! mich lockt nicht mehr der Hoffnung Schimmer,
Und Vergangenes thut mir nicht leid —
Doch ich möchte schlafen gehn auf immer,
Freiheit such’ ich und Vergessenheit!

Aber nicht den kalten Schlaf der Truhe,
Nicht die Freiheit, die uns todt begräbt;
Ruhe möcht’ ich — doch lebend’ge Ruhe,
Drin noch athmend meine Brust sich hebt.

Unter immergrüner Eichen Fächeln
Möcht’ ich ruhen all mein Leben lang —
Vor mir schöner Augen Liebeslächeln,
Und in Schlaf gelullt von Liebessang.

Michail Jurjewitsch Lermontow
Übersetzt 1852 von Friedrich von Bodenstedt (1819-1892)

* * *

Einsam tret ich auf den Weg, den leeren,
Der durch Nebel leise schimmernd bricht;
Seh die Leere still mit Gott verkehren
Und wie jeder Stern mit Sternen spricht.

Feierliches Wunder: hingeruhte
Erde in der Himmel Herrlichkeit…
Ach, warum ist mir so schwer zumute?
Was erwart ich denn? Was tut mir leid?

Nichts hab ich vom Leben zu verlangen
Und Vergangenes bereu ich nicht:
Freiheit soll und Friede mich umfangen
Im Vergessen, das der Schlaf verspricht.

Aber nicht der kalte Schlaf im Grabe.
Schlafen möcht ich so jahrhundertlang,
Dass ich alle Kräfte in mir habe
Und in ruhiger Brust des Atems Gang.

Dass mir Tag und Nacht die süße, kühne
Stimme sänge, die aus Liebe steigt,
Und ich wüsste, wie die immergrüne
Eiche flüstert, düster hergeneigt.

Michail Jurjewitsch Lermontow
Übersetzt 1919 von Rainer Maria Rilke (1875-1926)

 * * *

                    1

Ich alleine mach mich auf die Reise;
Durch den Nebel glänzt der raue Weg;
Nächtlich still lauscht Gott die Wüste, leise
Führen Sterne zweisam ein Gespräch.

                    2

Im feierlichen Himmel – welcher Zauber!
Die Erde schläft im dunkelblauen Licht …
Warum bin ich so schwermütig, so traurig?
Was will ich nur? Und was bedaure ich?

                    3

Nichts hat mir das Leben noch zu geben,
Das Vergangne hab ich nie bereut;
Freiheit will ich, Ruhe; ich erstrebe
Das Vergessen, das der Schlaf bereitet! –

                    4

Aber nicht den kalten Schlaf der Gräber …
Von dem Tode hätt ich gern gewusst,
Der in sich so Lebenskräfte bärge,
Dass sich atmend hebt die stille Brust;

                    5

Dass, bei Tag und Nacht mein Ohr verführend,
Eine Stimme singt vom Liebesrausch,
Und dass über mir auf ewig grünend
Eine dunkle Eiche wogt und rauscht.

Michail Jurjewitsch Lermontow
Übersetzt von Eric Boerner

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